Aus der Sektion

Bericht des Frauenrates

Kategorie: Newsletter DE
Angelika Oldenburg und Barbara Messmer
30 Mai, 2017

Im März 2013 hat sich aus Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland und der Sozialwissenschaftlichen Sektion ein Frauenrat gebildet, der sich seither regelmäßig trifft und sich als eine Arbeitsgruppe auf sachlichem Felde im Rahmen der Sektion wie der Gesellschaft versteht. Er hat sich das Ziel gesetzt, unreflektierte Frauenbilder zu hinterfragen und zu ergründen, was jenseits von Zuschreibung, gesellschaftlicher Konstruktion und Erziehung spezifisch weiblich ist sowie Frauen und ihre spezifischen Fähigkeiten und Qualitäten stärker als bisher sichtbar zu machen.


Lesen Sie hier ihren Bericht:

Arbeitsbericht des Frauenrates

Der Frauenrat besteht seit März 2013. Er hat sich das Ziel gesetzt, unreflektierte Frauenbilder zu hinterfragen und zu ergründen, was jenseits von Zuschreibung, gesellschaftlicher Konstruktion und Erziehung spezifisch weiblich ist. Innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft ist das Anliegen, Frauen und ihre spezifischen Fähigkeiten und Qualitäten stärker als bisher sichtbar zu machen.

Aber was sind die “spezifischen Qualitäten” der Frauen? Kann man von solchen Zuschreibungen überhaupt sprechen, in einer Zeit, in der so etwas fast durchgehend als reaktionär betrachtet wird? In einigen Strömungen des Feminismus gilt ja bereits das biologische Geschlecht als Konstruktion. Und das Seelische wird fast durchgängig als eine Wirkung der Erziehung und der Gesellschaft angesehen.

Rudolf Steiner in seiner “Philosophie der Freiheit” war ebenfalls vorsichtig mit der Zuschreibung von weiblichen Qualitäten. Vermutlich auf dem Hintergrund von Gesprächen mit der österreichischen Frauenrechtlerin Rosa Mayreder schrieb er 1893: “Was die Frau ihrer Natur nach wollen kann, das überlasse man der Frau zu beurteilen." (zitiert nach „Die Philosophie der Freiheit", 14. Kapitel). Es gibt auch in der Frauenbewegung und im modernen Feminismus keine eindeutige Antwort auf die Fragen: Was ist weiblich? Dennoch gibt es immer wieder Verhaltensweisen, auch innerhalb der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft, die als “typisch männlich” oder “typisch weiblich” bezeichnen werden könnten. Meist hat man dabei nicht den Eindruck, dass dies sehr individuell wäre...

Vor diesem Hintergrund haben wir im vergangenen Jahr daran gearbeitet, Erkenntnisgrundlagen für dieses Forschungsfeld zu schaffen. Wie sieht es in der anthroposophischen Literatur mit dem Begriffsfeld “männlich/weiblich” aus? Wir bearbeiteten die Kapitel aus der “Theosophie” und der “Geheimwissenschaft im Umriss” zu den Wesensgliedern Ätherleib und Astralleib und anschließend Michaela Glöcklers Schrift “Die männliche und weibliche Konstitution”. Ein wichtiger Hinweis war die Aussage Rudolf Steiners, der Mann habe einen weiblichen, die Frau einen männlichen Ätherleib. Inwiefern helfen uns diese anthroposophischen Begriffe, das Weibliche besser zu verstehen?

Ein weiteres Arbeitsfeld war der Austausch über Begebenheiten innerhalb des anthroposophischen Umfeldes, in dem wir klischeehafte Verhaltensweisen beobachteten – oder auch positive andere Ansätze. „Goetheanistische Beobachtungsübungen zum Feld männlich-weiblich” könnte man diese Gespräche nennen. Außerdem blickten wir auf anthroposophische und feministische zeitgenössische Veröffentlichungen zu unserem Thema.

Immer wieder bewegten wir uns in diesen Gesprächen im Spannungsfeld Geschlecht – Rolle – Individualität. Wenn wir von der Individualität als gegebene Tatsache ausgehen – so wurde uns klar – übersehen wir, wie sehr wir eben auch von Rollen geprägt sind, die unsere Individualität behindern. Je weniger wir uns das bewusst machen, so gefährdeter sind wir in unserer Authentizität und leben in Illusionen. Begriffe, die in diesen Gesprächen auftauchten, waren immer wieder: Selbstbewusstsein – Gefühl – Zuhören können – Interesse für den anderen.

Unsere Gespräche waren lebhaft, lebendig, manchmal etwas chaotisch. Es war eine positive Erfahrung, dass diese Art des Sprechens dem Erkenntnisprozess nicht schadete. Wenn es Konflikte gab, wurden sie an Ort und Stelle angesprochen. Es entstand ein Resonanzfeld, in dem wir uns besser kennenlernten und in dem die Stärken der einzelnen Frauen sichtbar werden konnten. Man könnte auch sagen: ihre Individualität.

Eine dritter Schwerpunkt lag auf der Ausstellung „Friedensimpulse von Frauen“, die seit Sommer 2015 an verschiedenen Orten Deutschlands zu sehen ist, 2016 in Kassel, Frankfurt, Witzenhausen, Darmstadt und Mannheim. Es werden immer Eröffnungen, Gespräch und Vorträge/Lesungen angeboten. Meist ergibt sich ein Ort aus einem früheren, wie die Stationen Witzenhausen und „FreiZeitSchule Mannheim“ durch die Ausstellung in Kassel. Diese beiden Orte hatten viel öffentlichen Besuch.

In Witzenhausen hingen die 20 Schautafeln im Seminarraum eines Universitätsinstituts; es fand zudem am 11. September 2016 eine Veranstaltung zu Sophie Scholl und Cato Bontjes van Beek im Rahmen vom „Tag des offenen Denkmals“ statt. Viele Bürgerinnen und Bürger des Städtchens Witzenhausen kamen und waren beeindruckt. Eine Frau sagte: „Wenn nur die Zitate auf den Tafeln verwirklicht würden, hätten wir schon eine ganz andere, bessere Welt!“ Zur Eröffnungsfeier war ein freier Journalist der HNA (Zeitung für Nordhessen und Kassel) zugegen, der dann eine halbe Seite mit Foto im Regionalteil veröffentlichte. Immerhin ein Erfolg! Die Ausstellung ist eine Chance für die Öffentlichkeitsarbeit der Anthroposophischen Gesellschaft, deren Name auf jeder Schautafel aufgedruckt steht.

Bei jeder Veranstaltung ist zu merken, dass die Geschichte von Krieg und Frieden der letzten 150 Jahre nicht jedem geläufig ist. Was Frauen dazu beitrugen noch weniger. Deshalb staunen die Besucher immer wieder, was Friedensaktivistinnen damals zustande brachten. Zum Beispiel trafen sich beim Haager Frauenfriedenskongress (28.04 – 01.05.1915) während des Ersten Weltkrieges 1126 Frauen aus 13, auch kriegsführenden Ländern. Sie reisten zum Beispiel aus den USA wochenlang mit dem Schiff an. Der Kongress wurde innerhalb von 2 Monaten organisiert – ohne Telefon, Autos, Handy, Computer. So bietet die Ausstellung neben Aspekten zur Geschlechtergeschichte auch eine Auffrischung der Allgemeinbildung – nicht alle wissen, was die Bhagavadgita ist, aus der auch zitiert wurde – und im Hintergrund, angedeutet, aber je nach Gespräch vertiefbar, spirituelle Ansätze. Nicht verschwiegen wird, dass es auch Frauen gibt, die Kriegstreiber sind und waren, wie z.B. im Dritten Reich.

Die Ausstellung gastiert vom 5. Mai bis 9. Juli 2017 im Rudolf Steiner Haus Hamburg. Auf der Juni-Tagung 2017 in Bochum soll es einen Info-Stand zum Frauenrat und zur Ausstellung geben. Wir planen eine Arbeitsgruppe auf der Mitgliederversammlung der deutschen Landesgesellschaft 2018 oder 2019.

 

Angelika Oldenburg und Barbara Messmer