Beziehung ist alles

Wolfgang Held
29 Dez, 2011

Die Familie ist elementarster Baustein und energiereichster Ort menschlicher Beziehung. Die Tagung zur Familienkultur widmet sich Ende Januar diesem Thema. Ein Gespräch mit den drei Organisatorinnen der Tagung. Was ist das Ziel der Familienkulturtagung?


Franziska von Nell: Mit Manfred Schmidt-Brabant begann vor etwa 20 Jahren die Arbeit für und mit den Müttern, damals vor allem mit den sogenannten Hausmüttern der Camphill-Gemeinschaften. Es ging – und geht auch heute noch – um die Frage nach einer spirituellen Durchdringung des häuslichen Alltags. Gleichzeitig sind diese Tagungen auch ein Ort, an dem der Arbeitsplatz Familie gewürdigt und die zu Hause geleistete Arbeit anerkannt wird. Und auch ein Ort, an dem Probleme und Aufgaben des Arbeitsalltags mit anderen “vom Fach” – nämlich den anderen Eltern – bewegt werden können.

Clara Steinemann: Ein Ziel ist auch in der Bemühung zu sehen, aus der Anthroposophie heraus den Lebenszusammenhang, in dem sich die Kinder heute inkarnieren, in einer erweiterten Art und Weise zu gestalten, das heißt mit Einbezug der geistigen Welt.

Warum der Titel ‹BeziehungsWeise›?

Anneka Lohn: In “Beziehung” liegt ein Rätsel, ein Wunder, eine Geste, was sich lohnt, näher anzuschauen. Das kann ein Licht auf das werfen, was im alltäglichen Familienalltag erschüttert. Innerhalb der Familie gibt es ja ein ganzes Beziehungsgeflecht, die Menschheit insgesamt ist durchwoben von unendlichen Beziehungen – nicht nur unter den Menschen, auch zur Natur, zu den Engeln, zu sich selbst ... Es sollen die verschiedenen Weisen und auch das Weise in den Beziehungen erkundet werden.

von Nell: Beziehung braucht heute Gestaltung und Gestaltung braucht Bewusstsein. Nur was ich durchschaue, kann ich gestalten. Das ist die Weisheit. An den Erlebnissen mit anderen – also an meinen Beziehungen – kann ich viel über mich erfahren, ich muss das nur nutzen! Also ist für die Tagung die Frage relevant: Wie entwickle ich mich, um beziehungsfähig(er) zu werden?

Steinemann: Wir möchten durch diese Tagung helfen, zum Quell dieser Fähigkeiten zu finden. Ein Blick fällt auf das Ich des Menschen, auf diesen “Jemand” in jedem Menschen, der einzig ist und von Anfang an auf Dauerhaftigkeit eingerichtet ist, der aus dem Erlebten Konsequenzen ziehen kann, der in sich Ursprung und zugleich Zukunft trägt. Nur so “Jemand” kann beziehungsfähig werden.

Das Leben wird schneller. Wie gelingt familiäre Entschleunigung?

von Nell: Ich glaube, zur Familie gehört Beschleunigung. Ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viele Dinge (durch)gemacht, gelernt, probiert und verhauen wie als Mutter. Ich habe das Gefühl, Eltern altern schneller! Ich meine das positiv, im Sinne von Entwicklung. Andererseits sind Kinder, vor allem kleine, die besten Entschleuniger, man muss sie nur lassen. Kinder bringen es fertig, einen Fußweg von fünf Minuten auf eine halbe Stunde zu strecken.

Lohn: Die mediale Globalisierung ist eine Tatsache und auf eine Art Menschen verbindend. Gleichzeitig hinterlässt sie Zwangsstrukturen in jedem von uns. In den spannendsten Vorlesungen ist ein Drittel der Studenten heute mit Facebook-Kommunikation beschäftigt; oder der ständige Griff nach dem Handy – wie gehetzt und verfolgt vergewissern wir uns über jede neue Nachricht. Damit Familie ein Ruheort ist, muss gelernt werden, Zeit zu lassen, um sich die Seelen im Miteinander begegnen zu lassen. Das ist gar nicht so einfach.

Konflikt in der Familie – wie wird er fruchtbar?

Lohn: Konflikte tauchen ständig auf. Wille gegen Wille. Die Hausschuhe sind schon wieder auf der Fensterbank statt an den Füßen, der Schraubenzieher hat sich bei den Zahnbürsten verirrt oder das Verhalten meines Kindes entspricht überhaupt nicht meinen Vorstellungen. Es ist ein spannendes Íbungsfeld und jeden Tag neu zu erobern.

von Nell: Ich staune über die Kinder: wie die sich hauen, kratzen und beißen – und kurz danach friedlich miteinander spielen. Könnten wir Erwachsenen das lernen, dass ein Konflikt nicht gären sollte und dass Auseinandersetzungen möglich sind. Und schließlich, das ist das Schwierigste, dass alles vergeben und vergessen wird zugunsten eines neuen gemeinsamen Projektes. Ich hänge mich doch oft an meinen fixen Ideen auf, und dann ist mein Partner selbst schuld, wennís kracht.

Steinemann: Konflikte kann man wie Kinderkrankheiten sehen lernen. Es gibt solche, die schwerwiegende Spuren hinterlassen, aber auch welche, die in leichterer Form Entwicklungsschritte ermöglichen.

Was sind Gefahren der Familiengemeinschaft?

Lohn: Gefahren? Ich weiß nicht. Familie ist zunächst eine Gegebenheit, ein Geschenk. Etwas Neues tritt in die Welt. Das ist nicht immer schön und einfach. Aber wenn sie wie eine Keimzelle für Dialogfähigkeit angeschaut werden kann, liegen in ihrer Gestaltung und Herausforderung Chancen für die Zukunft.

von Nell: Die eigentliche Gefahr ist in meinen Augen ein Vertrauensverlust. Wir fühlen uns für alles verantwortlich und leben darum mit einem unglaublichen Stress. Die Maßstäbe, was wir alles leisten sollten, wachsen ins Unendliche und die Welt muss immer planbarer werden, damit wir den Alltag handhaben können. Was kann man dem entgegensetzen, wo sind Möglichkeiten, Vertrauen (wieder)aufzubauen?

Steinemann: Die Gefahr der Zersplitterung lauert heute jeder Gemeinschaft auf. Das eigentliche Ich des Menschen ist aber gemeinschaftsorientiert.

 

Tagung: “BeziehungsWeise”, 27. bis 29.1.2012