Die sozialen Impulse Rudolf Steiners und die Entwicklung der Sektion für Sozialwissenschaften

Karl Unger
Emil Molt
Rudolf Steiner
Emil Leinhas
Roman Boos

 

Entstehungsgeschichte in chronologischer Übersicht

 

1898

Veröffentlichung des soziologischen Grundgesetzes im Magazin für Literatur (GA 31).
"Die Menschheit strebt im Anfang der Kulturzustände nach Entstehung sozialer Verbände; dem Interesse dieser Verbände wird zunächst das Interesse des Individuums geopfert; die weitere Entwicklung führt zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen."

 

1905

Veröffentlichung des sozialen Hauptgesetzes in der theosophischen Zeitschrift "Lucifer-Gnosis" unter dem Titel "Theosophie und soziale Frage (GA 34):
"Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist um so größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden. Alle Einrichtungen innerhalb einer Gesamtheit von Menschen, welche diesem Gesetz widersprechen, müssen bei längerer Dauer Elend und Not erzeugen."

 

1917/1918

Gespräche Rudolf Steiners mit Richard von Kühmann (Staatssekretär des Auswärtigen Amtes) und mit Prinz Max von Baden (später, 1918, kurze Zeit Reichskanzler) finden statt.

Otto von Lerchenfeld und Ludwig von Polzer-Hoditz treffen Rudolf Steiner im Sommer 1917 zu Fragen der Friedensfindung und Perspektiven der Nachkriegszeit. (Es entstehen zwei Memoranden, GA 24).

Im März 1918 (mit dem Friedenschluss von Brest-Litowsk) beginnt Rudolf Steiner mit öffentlichen Vorträgen zur Dreigliederung.

Emil Molt, Carl Unger, Hans Kühn und Roman Boos wollen in Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner eine Volksbewegung für Dreigliederung initiieren.
Im November werden Komitees gegründet, in Deutschland: Emil Molt, Carl Unger, Wilhelm von Blume (Tübinger Staatsrechtler, in Österreich: Walter Johannes Stein, Ludwig von Polzer-Hoditz, Staatsrat Stefan von Licht und in der Schweiz: Roman Boos, Albert Steffen.

 

1919

Im Februar hält Rudolf Steiner Vorträge in der Schweiz (GA 328), daraus entsteht das Buch: Die Kernpunkte der Sozialen Frage (GA 23).

Am 5. März erscheint der Artikel Rudolf Steiners: „Aufruf an das Deutsche Volk und die Kulturwelt“ in vielen Tageszeitungen und als Flugblatt (GA 23/24, S. 328 ff).

Im April werden „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ (GA 23) herausgegeben, in dem folgenden drei Monaten werden 30.000 Exemplare verkauft, ausserdem finden Vorträge bei Daimler und Bosch statt, (GA 330 und GA 331).

Am 22. April wird der „Bund für Dreigliederung“ in Stuttgart mit Hans Kühn, später Walter Kühne und Ernst Uehli als Geschäftsführer gegründet. Zum „Arbeitsausschuss“ gehören: Emil Molt, Carl Unger, Wilhelm von Blume, Emil Leinhas, Theodor Binder, Max Benzinger und Rudolf Steiner (Vorsitz).

Ab Juli wird dann die Wochenschrift „Dreigliederung des sozialen Organismus“ durch den Bund für Dreigliederung unter der Redaktion von Ernst Uehli, Stuttgart herausgegeben; es folgt die Gründung des Schweizer Bundes für Dreigliederung und die Herausgabe des Mitteilungsblattes „Soziale Zukunft“ von Roman Boos in der Schweiz (als Boos erkrankt übernimmt Willy Storrer interimsmässig ab Juni 1921 die Leitung), in den Niederlanden steht später für die Dreigliederungsbewegung Johanna Maria Tak van Portvliet, in England Georg Adams-Kaufmann. Weitere Beteiligte: Hans Büchenbacher, Erhard Bartsch, Richard Eriksen, Pieter de Haan, Herbert Hahn, Karl Heyer, Johannes Hohlenberg, Karl Ingero, Bruno Krüger, Hans Erhard Lauer, Joseph van Leer, Einar Lunde, Alfred Meebold, Martin Münch, Felix Peipers, Ehrenfried Pfeiffer, Carlo Septimus Picht, Alexander Strakosch, Günther Wachsmuth, Kurt Walther.

Am 19. August setzt Rudolf Steiner den Schwerpunkt der Dreigliederung auf das freie Geistesleben mit der Gründung der Freien Waldorfschule Stuttgart und hält Vorträge für die Lehrerinnen und Lehrer.

 

1920

Am 17. März wird die Aktiengesellschaft „Der kommende Tag AG“ zur Förderung wirtschaftlicher und geistiger Werte in Stuttgart gegründet. Im Vorstand: Konradin Hausser, Hans Kühn, Wilhelm Trommsdorff, Eugen Benkendörffer, Emil Leinhas und Wolfgang Wachsmuth, Aufsichtsrat: Rudolf Steiner, Emil Molt, Emil Leinhas, Carl Unger, Jose del Monte, später auch: Rudolf Zoeppritz. Angegliederte Institutionen und Initiativen: Klinisch-Therapeutisches Institut und die pharmazeutische Produktion in Stuttgart, die Waldorfschule, der Verlag „Der kommende Tag“, das biologische Forschungsinstitut (Lili Kolisko) und einige landwirtschaftliche Betriebe (Carl von Keyserlingk, Immanuel Voegele) . Mit der Inflation 1922/23 entstehen jedoch schon Finanzierungsengpässe und 1925 wird die AG schliesslich liquidiert. 

Am 16. Juni wird die Futurum AG durch Roman Boos und Emil Molt (trotz Bedenken Rudolf Steiners) gegründet, im Verwaltungsrat: Rudolf Steiner, Roman Boos, Ernst Gimmi, Ernest Etienne, Johann Hirter, Paul de Kalbermatten, Christian Krebs, Frederik Tharaldsen. Direktion: Arnold Ith, Ernst Schaller, Adolf Padrutt. Die pharmazeutische Produktion und das klinisch-therapeutische Institut in Arlesheim, der Verlag am Goetheanum mit der Wochenschrift „Das Goetheanum“ werden eingegliedert. Andere erfolgversprechende Unternehmen werden aufgekauft.

Im November 1920 initiiert Moritz Bartsch die Schlesienfrage aus Sicht der Dreigliederung, daraus entsteht die Oberschlesische Aktion (Anfang 1921).

 

1921

Gründung der Zeitschrift „Die Drei. Monatszeitschrift für Anthroposophie und Dreigliederung“ mit der Redaktion: Ernst Uehli, Eugen Kolisko (Gründer), Kurt Piper, Erich Schwebsch, Herbert Witzenmann, Fritz Götte, Hans Erhard Lauer) – 1921-35 und ab 1948.

Auf Anregung Storrers hält Steiner im Februar den Orientierungskurs für Redner der Dreigliederung (GA 339).

 

1922

Die wirtschaftliche Lage der Futurum AG verschlechtert sich zusehens. Nach einigen Personellen Veränderungen löst auch Ita Wegmann die Arlesheimer pharmazeutischen  Betriebe heraus. (später: Weleda AG). Die Auflösung der Futurum AG erfolgt 1924.

Im Juli wird der „Bund für Dreigliederung“ in „Bund für freies Geistesleben“ übergeleitet. Die Wochenschrift heisst nun: „Anthroposophie. Wochenschrift für freies Geistesleben“ (1922-1935 mit der Redaktion: Ernst Uehli, Jürgen von Grone, Kurt Piper, Emil Leinhas, Hans Erhard Lauer, Hans Büchenbacher, Carlo Septimus Picht).

 

1923

Im Mai diesen Jahres zieht sich Rudolf Steiner als Aufsichtsratsvorsitzender aus der Aktiengesellschaft „Der Kommende Tag“ zurück. Die erfolgreichen Unternehmen wie die Waldorfschule, der pharmazeutische Betrieb und das Biologische Forschungsinstitut werden aus der Aktiengesellschaft, die schliesslich Anfang 1925 liquidiert wird, ausgegliedert.

Zum Jahreswechsel 1924 findet die Weihnachtstagung mit der Neugründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft statt und Rudolf Steiner entwickelt den Grundsteinspruch.

Gründung und Entwicklung der Sektion für Sozialwissenschaften


1962 – 1965 

Günther Wachsmuth holt Kurt Franz David, Generalsekretär der Österreichischen Landesgesellschaft, zum Aufbau der Sektion für Sozialwissenschaften ans Goetheanum nach Dornach.

 

1965 – 1970

Herbert Witzenmann, seit 1963 Vorstand am Goetheanum, übernimmt die Sektion für Sozialwissenschaften, bis er durch Meinungsverschiedenheiten zum Umgang mit der Nachlassverwaltung nach Albert Steffens Tod, eine eigene seminaristische Arbeit und Aktivitäten ausserhalb des Goetheanums durchführt.

 

1970 – 1975

Der Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (Rudolf Grosse, Friedrich Hiebel, Margarete Kirchner-Bockholt, Werner Berger und Hagen Biesantz) übernimmt die Leitung der Sektion.

 

1975 – 2000

Unter Manfred Schmidt-Brabant entwickelt sich ein reges Sektionsleben. Die grosse Vision vom Ausbau der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum als Forschungs- und Kulturstätte wurde langsam umgesetzt zusammen mit den Kollegen Jörgen Smit und Hagen Biesantz.

In der Sozialwissenschaftlichen Sektion wurden Themen angeschlagen wie das Strafrecht, die Familienkultur, Assoziatives Wirtschaften usw. Das jährliche Sektionstreffen wurde zu einer festen Veranstaltung. Mitarbeiter der neu entstandenen anthroposophischen Banken, Managers von Firmen, Rechtsanwälte, Organisationsberater, Dreigliederungsforscher und verschiedene andere Interessengebiete wurden dort vertreten. Es bestand eine grosse Offenheit für Initiativen und so kamen Arbeitsgruppen zu den verschiedenen Themen zustande, von denen manche bis heute bestehen.

Im Ausblick auf das Arbeitsjahr 1998 – 99 schreibt er: „Aufgabe der Sektion ist es, diejenigen Bedingungen und Gesetzmässigkeiten zu erforschen, durch die in der Gesellschaft (dem Ganzen des sozialen Organismus) sowohl im Mikrosozialen wie im Makrosozialen, menschenwürdige Lebensverhältnisse möglich sind. Und dann aus der Erkenntnis solcher Bedingungen die Fähigkeiten zu bilden oder zu schulen, durch die ein sachgemässes Handeln im sozialen Raum möglich wird. Dazu kann nicht allein nur auf äussere Fakten und Sozialprozesse geblickt werden. Die Ur-Aufgabe der Hochschule: „Forschung auf geistigem Gebiet“ verlangt auch für das Soziale das Einbeziehen der hinter der äusseren Welt liegenden geistigen Wirklichkeiten. Eine solche Forschung kann zunächst aber immer nur an einzelnen Projekten oder Bereichen durchgeführt werden.“

Und solche Projekte gibt es ja heute so viele, dass sie kaum mehr zu überschauen sind. Sie erzielen auf lokaler Ebene eine grosse Wirksamkeit und haben sich in der ganzen Welt verbreitet.

 

Seit November 2000

Paul Mackay, Vorstand am Goetheanum, übernimmt die Leitung der Sektion für Sozialwissenschaften.

Quelle u.a. : Anthroposophie im 20. Jahrhundert, Ein Kulturimpuls in biografischen Portraits, Hrsg. Bodo von Plato, Verlag am Goetheanum, Dornach